11. - Therapie schadet nie

Ich kann mich kaum noch erinnern, wie ich später ins Taxi oder geschweige denn ins Bett gekommen bin. Mein Kopf dröhnt wie die Schiffsschraube der Titanic, als ich wieder zu mir komme. Durst. Wasser. Aua. Übelkeit. Hilfe.
Ich trage immer noch die Jogging-Hose, als ich in die Küche krieche. Egal. Heute ist alles egal. „Waaaahsssser.“, keuche ich Rena entgegen, die sich ein Ei mit Speck brät, bei dessen Geruch sich mein Innerstes nach Außen stülpen möchte.
„Schlechte Idee, Schätzlein.“, flötet sie in allerbester Hallo-Tag-ich-bin-wach-was-hast-du-heute-Schönes-für-mich-Stimmung. „Davon wird alles nur schlimmer. Ich hab dir schon etwas vorbereitet.“ Sie deutet mit der Hand auf den Tisch, wo ich einen Teller mit dunkelbrauner, dickflüssiger Masse ausmachen kann.
„Buääh, sieht aus wie Ketchup-Nudeln!“ Das will sie mir um die Uhrzeit doch im Ernst nicht antun.
„Das sind in Kaffee eingeweichte Haferflocken mit einem Spritzer Zitrone. Der Geheimtipp bei Kater! Und nein, ich will dich nicht umbringen. Iss!“
Vivi rettet mir Leben und Magen, als sie wie ein Wirbelwind in die Küche flattert. „Du hast seine Nummer!“, quiekt sie los. „Ich hab es genau gesehen! Rena hat seine Nummer!“
„Wessen Nummer?“
„Die Handynummer von Leonardo DiCaprio!“ Ungerührt wendet Rena ihr Spiegelei. Sie isst es lieber ‚Sunside Down’. „Wäre eigentlich nicht nötig gewesen, er hat uns doch für heute Abend auf seine Poolparty eingeladen.“
„Ich bleibe Zuhause.“, sage ich sofort und will wieder ins Bett.
„Hiergeblieben! Dir piept es wohl!“ Manchmal führt sich Rena schlimmer auf als meine Mutter, als ich in der Pubertät war. Ich könnte sie würgen.
„Fräulein Depp! Wir haben die L.A.-Aktion gemeinsam beschlossen und werden sie auch gemeinsam durchziehen! Was für ein einmaliges Erlebnis! Wie viele Menschen träumen wohl davon, einmal mit Leonardo DiCaprio oder Ashton Kutcher einen Cocktail zu trinken, geschweige denn auf eine Party eingeladen zu werden? Wir bringen das schon am dritten Tag in Los Angeles fertig! Ich hab es dir Vorgestern schon einmal gesagt. Ist dir überhaupt klar, was für einen Traum wir gerade leben? Ich habe die Handynummer von Leo! Die Handynummer! Es gibt Frauen, die würden dafür töten! Und oh Gott, nur weil sich dein Ash als Reinfall herausgestellt hat, lässt du dir komplett Hollywood versauen? Wir sind in einem gottverdammten Abenteuer, das uns nie ein Mensch glauben würde! Warum genießt du es nicht einfach? Und denkst auch mal kurz daran, wem wir das verdanken: Dominic hat uns mit diesen Leuten zusammengebracht. Es gibt keinen Grund, warum du immer so pampig zu ihm bist. Und jetzt iss dein Prschtsch und denk nochmal über alles nach!“
Rena funkelt mich mit einer tiefen Zornesfalte auf der Stirn an.
„Prschtsch?“, frage ich nur.
Nach drei Sekunden des Schweigens prusten wir beide los. „Ist doch wahr.“, lacht Rena und hält sich an der Küchenzeile fest, während der Speck schwarz wird.
„Ich kann nicht glauben, dass dieser Nährschlamm einen Namen hat!“, wimmere ich den Tränen nahe. Lachen tut verkatert ganz schön weh.
Und nach weiteren zwei Minuten haben wir uns wieder lieb. Ich schwöre ihr hoch und heilig, dass ich mich auf den Abend freue.
Als ich den halben Teller Prschtsch in mich hinein gewürgt habe, meldet sich die Türklingel. Vivi macht auf. Sie scheint heute Vormittag am Muntersten zu sein.
„Hi, gibt’s Kaffee?“, höre ich Doms Stimme fragen, ohne überhaupt eine Antwort zu erwarten. Dann Schritte durch den Flur und schon öffnet sich schwungvoll die Küchentür. „Seht mal, wen ich mitgebracht habe!“, verkündet er in strahlender Laune und betrachtet interessiert meinen restlichen Prschtsch.
Hinter ihm erscheint Ash, der sich müde ein rohes Steak auf sein linkes Auge presst.
„Lass mich raten, Demi hat dein Geschenk angenommen?“ Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen. Das mit dem Baseballschläger war keine ernst gemeinte Idee. Aber was kann ich dafür, dass Ash so hilflos ist? Er würde drüben in San Francisco sicher von der Golden Gate Brücke springen, wenn man ihm einredet es würde Demi beeindrucken.
Ash rennt einäugig auf mich zu. „JANA!“, brüllt er. Oh nein, er ist jetzt sauer. Auch das noch.
Ich nehme den Kopf zwischen die Schultern und harre den Dingen, die da jetzt kommen mögen.
Kurz vor mir kommt er zum stehen. „Danke!“, brüllt er mir ins Ohr und setzt die unverschämt sexy Grinse auf.
„Danke?“
„Für diese tolle Idee!“ Begeistert wedelt er mit dem Steak. Au Backe. Sein Auge ist kaum mehr zu erkennen zwischen den verschiedenen Farbtönen des Veilchens.
„Ähm... Ash, du siehst aus, als hätte sie dir eins verpasst. Du freust dich darüber?“
„Aber natürlich!“ Ash schwingt sich auf einen Stuhl und nimmt von Vivi einen Kaffee entgegen. „Pass auf: Ich habe den besten Schläger überhaupt besorgt. Jackie Robinson von den Dodgers hat seinerzeit damit im neunten Inning das Spiel gerettet, als er den Ball buchstäblich in den Himmel geschossen hat. Er kam nämlich nicht mehr runter. Nach zehn Minuten warten tanzten sie den Homerun und nahmen den Sieg mit nach Hause.“
„Rückennummer 42.“, mischt sich Dom ein, der ebenfalls am Küchentisch Platz genommen hat. „Diese Zahl kriegt seither niemand mehr. Er war einzigartig.“
„Wie Demi.“, seufzt Ash verträumt. „Zurück zum Thema.“
Wie eine Gruppe Verschwörer beugen wir fünf uns über den Tisch. Mit einem Mal muss ich keine gute Laune mehr heucheln. Etwas Tolles passiert hier gerade. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft? Die Augen von Ash funkeln tiefschwarz wie ein Nachthimmel, wenn er leidenschaftlich erzählt. Ich mag ihn total. Und die Tatsache, dass er ein ganz normaler Mensch ist, der auch unter dem unfairen Spiel namens „Liebe“ leidet, macht ihn zu etwas ganz Wunderbarem. Daneben Dominic mit der lustigen Nase und den Segelohren. Trotz seinen Frechheiten eigentlich ein ziemlich guter Mensch. Jeder andere würde sich in meiner Gegenwart sicher bekreuzigen und schleunigst das Weite suchen, wenn er meine peinlichen Auftritte erlebt hätte.
Ich beobachte Vivi, die mit leicht geöffnetem Mund der Geschichte von Ash folgt und Rena, die an ihrem Nasenring zupft und kichert. Dieses Erlebnis in Los Angeles wird uns wahrscheinlich noch fester zusammenschweißen als jemals zuvor. Wer braucht schon Beziehungen, wenn es wundervolle Freundschaften gibt?
„...den Wachdienst bestochen und stand also vor der Haustür.“, erzählt Ashton gerade. „Um den Baseballschläger habe ich sogar eine rote Schleife gebunden. Ich war hypernervös, was sie dazu sagen würde. Dann ging die Tür auf. Und wer stand vor mir?“ Er sieht sich fragend um, wir zucken jedoch alle mit den Schultern.
„Bruce Willis, höchstpersönlich. ‚Was macht der denn hier?’, dachte ich... und schon lag ich zu seinen Füßen, weil er mir den schönen Schläger aus der Hand gerissen hat und auf mein Auge fallen ließ.
„Bruce ist der Ex-Mann von Demi.“, wirft Dom erklärend ein.
„Während er mich anbrüllte, erschien aber plötzlich mein rettender Engel in Form von Demi auf der Türschwelle. Sie hat gleich erkannt was passiert ist und Bruce angebrüllt. Er solle es nicht wagen, mich noch einmal anzurühren, und ähnliches.“ Sein Grinsen wird immer größer. „Sie hat mich in Schutz genommen!“
„Das ist allerdings ein gutes Zeichen.“ Ich bin Ashtons Psychotherapeutin. Also ist es meine Aufgabe diesen Fall zu analysieren, finde ich. Obwohl ich insgeheim ja doch denke, er sollte sich ein anderes Objekt der Begierde suchen, als diese zickige, alte Schabracke Demi. Die ist sicher fünfzehn Jahre älter als er.
„Jedenfalls hat sie dann Bruce den Schläger aus der Hand genommen und auf seinem Kopf zerbrochen. Er ging gleich in die Knie und hat mir zusammen die Schmutzpartikel in der Fußmatte betrachtet. Hat eine Weile gedauert, bis wir beide wieder aufstehen konnten. Derweil hat Demi die Tür zugeknallt und weder auf Klingeln noch Klopfen reagiert. Sind dann ins Dolce gefahren und haben ein Bierchen getrunken. Irgendwann hat Bruce dann erklärt, wenn ich seine Töchter nicht anbaggere, darf ich Demi haben. Er hätte die Nase voll von ihr. Jetzt muss ich sie nur noch davon überzeugen, dass ich der Richtige bin. Und das Dodgers-Museum davon, dass der Baseballschläger wirklich schon morsch war und ich gerne ein neues Sportkulturerbe stifte, wenn sie wollen.“
„Oha, A.K., harte Nacht gehabt, was?“ Dom klopft ihm lachend auf die Schulter.
Rena, Vivi und ich sehen uns kopfschüttelnd an. Irgendwie tickend die Menschen hier etwas anderes als in Good ol’ Germany.
Ende vom Lied: Die Kaffeereserven sind ein Stück geschrumpft, Ash freut sich ein Schnitzel, Dom plündert unseren Kühlschrank und wir Mädels bereiten uns seelisch moralisch schon mal auf einen Abend bei Leonardo DiCaprio vor. Wow.
Heute nehmen wir wieder Andrews Chrysler, weil wir keine Parkplatzschwierigkeiten bekommen werden. Leonardo hat vor dem Haus wohl genug Platz für einen kompletten Fuhrpark, erzählt Dom.
„Hast dir vor seiner Tür als Paparazzo wohl schon die Beine in den Bauch gestanden.“, witzle ich im Auto. Komischerweise sieht Dom kurz irritiert aus. „Ich frage mich sowieso, warum dich die Hollywood-Stars in ihrer Nähe dulden. Du bist immerhin Journalist und verdienst dein Geld mit dem Verbreiten von brisanten Informationen. Bestimmt auch über ihr Privatleben.“
Dom überlegt kurz bevor er antwortet. „Hab ich etwa Papier und Fotoapparat dabei? Nein. Also. Ich gehe genau so privat in Clubs und auf Parties wie ihr auch. Vor allem wissen die Jungs, dass ich keinen Unsinn über sie verbreite. Das kann auch mein Kumpel Ash hier bestätigen.“ Er boxt Ashton gegen den Arm, der zuckend aus einem Tagtraum zu erwachen scheint.
„Dominic, ich frage dich als meinen Freund: Kannst du mit Demi Moore an meiner Seite klarkommen?“
„Seht ihr?“ Gespielt bedauernd schüttelt Dom den Kopf. „Mein lieber Ash, zuerst solltest du Demi an deine Seite bekommen. Dann reden wir weiter.“
An die Anwesenheit von Ashton Kutcher habe ich mich mittlerweile bestens gewöhnt. Doch die Aussicht auf andere Prominenz, die mich zudem gestern Nacht in einer MRS DEPP Jogging-Hose gesehen hat, macht mich ein wenig nervös. Angespannt zupfe ich an meinem rotorangenen Sommerkleid. Darunter trage ich Bikini, wie es sich für eine Pool-Party gehört.
Dom lotst Rena am Steuer zielsicher eine Auffahrt hinauf, bis wir vor einem weißen Tor stehen. Wow. Der amerikanische, weiße, zweistöckige, flachdachige Kasten, den Leo bewohnt sieht schon von weitem nach barem Geld aus. Richtig viel Geld.
Die Paparazzi hat Stellung vor dem Tor bezogen. „Willst du dich nicht dazustellen, Dom?“ Er sieht etwas säuerlich aus und wird immer kleiner in seinem Sitz. Wahrscheinlich will er sich nicht vor seinen Kollegen blamieren.
Vier dicke Sicherheitsmänner räumen die Reporter, deren Köpfe aus Blitzlichtern zu bestehen scheinen aus dem Weg und winken uns heran.
Ash albert etwas aus dem Wagen, das mich kurz an die „Und dann?“-Szene in „Ey Mann - wo is mein Auto?“ erinnert und das Tor öffnet sich elektrisch. Hinein ins Vergnügen. Hinein in die Szene.
Es ist zu meiner Verwunderung Leonardo höchstpersönlich, der uns nach weiteren dreißig Metern Fahrt die Haustür öffnet. Ich hätte jetzt mit mindestens drei Butlern gerechnet.
„Hi Leo“, zwinkert Rena. Es dauert kurz, bis er sie wieder einzuordnen scheint. „Hallo Bite Me.“, raunt er verrucht und grinst schmutzig. Dabei scheint er den Pegel von letzter Nacht noch nicht einmal ansatzweise erreicht zu haben. Vivi und mir gibt er ein kleines Bussi auf die Wange und macht einen ganz reizend sympathischen Eindruck. Doch, er ist wohl wirklich nüchtern. Mal sehen wie lange noch.
Bevor wir es schaffen über die Türschwelle zu treten, quietschen weit hinter uns Reifen. Leo hastet zu einem Schalter an der gegenüberliegenden Wand, der das Tor gerade im richtigen Zeitpunkt öffnen lässt, bevor die aus dem Nichts erschienene Corvette dagegen geknallt wäre. Reporter und Sicherheitsleute sind gleichermaßen auseinandergesprengt und sehen dem Fahrzeug schockiert hinterher.
„Dieses Aas!“, flucht Leo. „Eines Tages bin ich zu langsam, dann hab ich ihn auf dem Gewissen!“
Der schwarze Wagen kommt abrupt zum stehen und lässt noch einige Male den Motor aufjaulen, bevor er verstummt. Es ist niemand anderes als Jared, der mit Schwung die Tür aufstößt.
„TANKSGIVING!“, brüllt er Unpassenderweise und kreiselt hüftschwingend auf uns zu. Mit der Hand streicht er sich die dunkelbraunen Haare aus der Stirn, so dass beide der unfassbar hellen Augen frei liegen. Meine Beine werden fast schwach. Jetzt wird mir auch wieder bewusst, dass es wirklich Jared Leto war, der gestern so stoned durch den VIP-Raum im Club lief. Der Jared, der mich im Kino bei „Alexander“ zum sabbern gebracht hat. Oh verdammt, ist dieser Silberblick heiß! Und diese Nase erst! Vergleichend werfe ich Dom einen Blick zu und merke jetzt erst, dass er mich spöttisch mustert. Was? Darf man nicht dahinschmelzen, wenn man einem tollen Schauspieler und Sänger begegnet?
Jared scheint auch noch recht nüchtern zu sein. Er gibt Leo ein Low Five und boxt mit seiner rechten Schulter gegen dessen. „Kleiner Bruder!“, nennt er ihn in unverwaschener Aussprache. „Was sucht eine Blondine auf dem Meeresgrund?“
„Mich!“, antwortet Leo sofort und legt ihm kichernd einen Arm um den Hals. „Du hast es tatsächlich geschafft dich alleine zu rasieren.“, zieht er ihn auf und dreht Jareds Gesicht mit den Händen hin und her. „Nicht einmal abgerutscht.“
„Nur für die Ladies.“, versichert Jared feierlich und wirft Rena, Vivi und mir einen Blick zu, der den Südpol schmelzen lassen könnte. „Hi, ich bin Jared. Ich hab ne Band.“
„Er hat ne Band.“, bestätigt Leo nickend und schließt endlich die Tür. Jetzt sehe ich mich zum ersten Mal in der geräumigen Vorhalle um. Typisch amerikanisch eingerichtet, hier und da ein paar Bilder, Skulpturen... und Kunstblumen. Weiter hinten im Haus hört man Stimmen, Gelächter und Musik.
„Nur kleiner Kreis heute.“, meint Leo und läuft uns voraus. „Und stört euch nicht an Artus. Gisele hat sich nach der Trennung geweigert ihn mitzunehmen.“
Noch bevor jemand nachfragen kann, werden wir - oder vielmehr ich - von einer kleinen Fußhupe attackiert, die sich hartnäckig in meine Fersen verbeißen will und sich dazu die Seele aus dem Leib kläfft.
„Er hat kein Fell!“, kreischt Vivi. Tatsächlich. Außer einer wischmopartigen Kopffrisur sprießt auf dem Körper von Artus nicht ein einziges Haar. Er ist der hässlichste Hund, den ich jemals gesehen habe.
„Chinesischer Nackthund, oder so ähnlich.“ Leo zuckt mit den Schultern. „Sie hat ihn einfach hier gelassen. Aber meine Putzfrau vergöttert ihn.“
Wir setzten den Weg noch durch ein urgemütliches Wohnzimmer fort und gelangen durch eine Terrassentür in den ausladenden Garten mit Pool.
„Wuuuah!“ quiekt Vivi und macht einen Satz. Garten kann man diese Umgebung nicht nennen. Eher Vergnügungslandschaft. Hier sitzen, stehen, liegen und baden mehr Menschen als unser Dorf Klöppelrath Einwohner hat.

5.3.08 20:05, kommentieren