Kapitel 9 - Mrs. Depp ist am Arsch

 „Oh, Jana, ich glaube da sucht dich jemand.“, bemerkt Dom wenig später. Als ich seinem Blick folge, sehe ich Ash, wie er mit einem betörenden Lächeln und einem riesigen Strauß roter Rosen direkt in meine Richtung kommt.
Verdammt. Verdammt. Verdammt.
Vivi kriegt den Mund nicht mehr zu, als Ash mit den geschätzten dreißig Langstielen tatsächlich vor mir stehen bleibt. Ich übrigens auch nicht. Meine Beine fühlen sich an als wären sie ganz plötzlich mit Pudding gefüllt statt mit Knochen, Fett und Zellulitis.
Strahlend legt mir Ash einen Arm um die Schultern und zieht mich an sich. Spätestens jetzt habe ich komplett alles um mich herum vergessen. Die Rosen hält er mir direkt vor die Nase, so dass ich den süßlichen Duft nach Blumenladen wahrnehmen kann. Ein ziemlich schwacher Geruch, im Gegensatz zu Ashtons Aftershave, das ich in tiefen Atemzügen inhaliere, bis mir fast schwindelig vom tiefen Einatmen wird.
Ganz nah kommt Ash mit seinem Kopf und schaut mir tief in die Augen. Oh mein Gott. Er wird mich küssen. Ja, sicher. Gleich ist es soweit. Verdammt, ich weiß schon gar nicht mehr was ich tun soll. Streiche mir eine Strähne hinter das Ohr, nestle an meiner Kette, kratze mich am Hals. Kurze Übergangshandlungen. Eigentlich machen das nur Tiere. Unfassbar, was mich in dieser Situation für Gedanken überfallen.
„Gefallen sie dir?“, fragt Ash schließlich mit einer Stimme, die mir eine dreifach-Gänsehaut über den Rücken jagt. Immer wieder auf das Neue könnte ich schaudern. ‚Sag es noch einmal’, will ich flehen.
„Sie sind überwältigend.“, höre ich meine Stimme wie aus weiter Ferne, ohne meine Augen von seinen zu lösen.
Er scheint sich zu freuen. Sein Lächeln wird immer zärtlicher. Wahrscheinlich schmelze ich in seinen Armen gleich wie Schokolade in der Hosentasche. Nur noch wenige Minuten, dann ist von Jana nur noch ein klebriger Fleck auf dem Fußboden übrig. Der glücklichste klebrige Fleck der Welt.
„Dann waren die Rosen sicher die richtige Wahl. Ich werde sie Demi gleich vorbeibringen.“
Wieder verliere ich mich im Klang seiner Stimme. Doch etwas stört mich am letzten Satz. Langsam komme ich wieder zu mir. Hat er gerade ‚Demi’ gesagt? Ja, ganz sicher! Wer zum Teufel ist das, der meine Blumen bekommen soll?
„Wer? Ist? Demi?“ Drei kleine Worte, die über meine Zukunft entscheiden.
Ashton lacht verlegen. „Na, Demi Moore. Wir haben doch die ganze Zeit über sie gesprochen, weißt du etwa nicht mehr? Du hast mir bei der Entscheidung geholfen, ihr endlich meine Liebe zu gestehen. Obwohl sie so viel älter ist. Danke nochmal.“
Er will mir wieder einen Kuss auf die Wange geben, doch zappelnd befreie ich mich aus seinem Arm. „Keine Ursache.“, kreische ich nicht ganz Herr meiner Sinne. Wo sind Rena und Vivi? Ich will nach Hause. Sofort!
Rena steht schon neben mir und hält mich fest am Arm. Sie hat also wirklich schon geahnt, dass etwas nicht stimmt.
„Hat er dir einen Antrag gemacht?“, fragt Vivi begierig. „Wie romantisch!“ Doch sie geht in Ashtons Freudenschrei unter, der gerade Dom entdeckt hat.
„Dominic!“, trompetet er. „Altes Haus! Komm her, mein Freund.“ Er umarmt den angesprochenen und klopft ihm mit der flachen Hand auf den Rücken. „Du hattest Recht! Deine süße Freundin Jana ist die beste Psychotherapeutin, die ich je erlebt habe. Endlich weiß ich, dass ich Demi wirklich bekommen kann! Und jetzt muss ich los. Trinkt etwas auf mich. Bis bald.“
„Bye, Ass!“, flötet Vivi und lässt die Fingerspitzen durch die Luft flattern. Ansonsten erwidert niemand die Verabschiedung. Rena ist damit beschäftigt, mich besorgt zu mustern. Ich bin damit beschäftigt, Dom die vernichtendsten Blicke spüren zu lassen, die ich je zustande bekommen habe. Er hat eindeutig etwas mit dieser Blamage zu tun. Und dafür werde ich ihn töten.
„Ich warte im Auto.“, entscheidet Dom hastig, der wohl schon vorausahnt, welches Schicksal ihn in Kürze ereilt. Und schon ist er im Gedränge verschwunden.
„Hinterher!“, knurre ich. „Ich muss ihm ein Ei rausdrehen!“
„Beruhige dich erst.“, fleht Rena. „Er kann doch nichts dafür, dass du Ashton missverstanden hast.“
„Aber er hat etwas damit zu tun! Er hat Ash erzählt, ich sei Psychotherapeutin!“ Herausfordernd schaue ich meine Freundinnen an.
„Und?“ Rena kreist die Hand in der Luft. „Hat das irgendwas zu deinem Nachteil beigetragen?“
„JA!“, brülle ich. Natürlich hat sie Recht, aber irgendwas steckt dahinter. Nervös tappe ich mit den Fuß. „Ich kann ihm jetzt nichts beweisen. Aber ich schwöre euch, dass ich dahinter komme, was Dominic ausgefressen hat. Irgendwann. Und dann wird er büßen!“
Rena drückt mich an sich. „Prima. Schon viel besser. Sieh es positiv: Du hast dich mit Ash unterhalten, er hat dich um Rat gefragt und wenn ich richtig gesehen habe… auf die Wange geküsst?“
„Sogar fast zweimal.“ Ich will nicht lachen. Leider machen sich meine Mundwinkel selbständig.
„Wow, mehr kann sich kaum eine Frau erträumen! Und jetzt lass uns nach Hause gehen. Es ist spät.“
Ich liebe Rena.
Und ich liebe Vivi, die sich bei mir einhakt und mir rät, noch einmal darüber nachzudenken ob ich Ash wirklich heiraten möchte. „Er ist so groß, weißt du? Du müsstest hohe Schuhe tragen. Es gibt bei einer Hochzeit nichts Unbequemeres als Pfennigabsätze.“


Den kompletten nächsten Tag verbringe ich auf dem Sofa im Wohnzimmer. Der aschgraue Farbton passt so prima zu meiner kummervollen Stimmung. Aschgrau. Ash-Grau. Vivi und Rena konnten meine Schmerzlaute nicht mehr ertragen, die ich alle halbe Stunde mit qualvollem Gejammer aus meinem Innersten entlasse. Sie sind auf Shoppingtour. Es vergeht viel Zeit, bis ich die Tür höre.
„Schau mal!“ Kurz nach der Aufforderung verdunkelt sich mein Augenlicht. Vivi hat mir etwas auf das Gesicht geworfen. Etwas Weiches.
„Hnööö, lass mich.“, wimmere ich lustlos. Seit Stunden starre ich jetzt die Decke an und gehe das Missverständnis von gestern noch einmal in allen Einzelheiten durch. Ashton. Ash. Ich war so blöd! Wie konnte ich nur auf die Idee kommen, er wolle mich?
„Jetzt schau sie dir doch einmal an! Ich habe sie selbst für dich ausgesucht!“ Vivien lässt nicht locker. Es wird wieder hell, als sie den schwarzen Stoff von meinen Augen zieht und wedelt damit, wie mit einer Fahne.
„Damit sind wir hippe Los Angelianer, oder wie man dazu sagt. Los, du musst sie unbedingt anziehen!“
Stöhnend erhebe ich mich von meiner Liegeposition. Meine Körperform hat im weichen Polster des Sofas einen Abdruck hinterlassen. Kurz ist mir schwindelig vom ungewohnten Stehen.
„Was ist das überhaupt?“ Das Stoffteil sieht aus wie ein schlabberige Jogging-Hose aus Baumwolle.
„Das!“, setzt Vivi zu einer Quietschrede an, „Ist ein Jogging-Hose! Aber nicht irgendeine Jogging-Hose, sondern DIE Jogging-Hose. Das angesagteste Trend-Kleidungsstück in diesem Sommer!“
„Prima. Damit sehen wir morgens beim Frühstück trés chique aus.“ Ich strecke die Hand aus, um mit der Hose in meinem Schlafzimmer zu verschwinden.
„Frühstück? Quatsch! Das ist unser Outfit für heute Abend!“ Vivis riesige Rehaugen funkeln wie zwei Kohlestücke.
„Vivi. Das ist eine Jogging-Hose!“ Was hat sie jetzt wieder für eine Schnapsidee? Oder machen wir jetzt doch einen Video-Abend? Bitte bitte Vivi, sag ja.
„Ebent! Wir gehen mit Dom in einen Hip-Hop-Club!“, quiekt sie und dreht die Hose um. „Sieh nur, was draufsteht!“
„MRS. DEPP“ ist herausstechend weiß auf dem Gesäß aufgestickt. Toll. Die passt ja wirklich zu mir. Für Dominic kann ich dann wieder die Lachnummer sein. Gerade als ich wieder den Mund öffne um zu protestieren, kommt Renate mit einer Jogginghose in Aubergine ins Zimmer.
„Hast du schon gesehen? Fetzig, nicht?“ Langsam dreht sie sich um die eigene Achse und wackelt mit der Hüfte. „BITE ME“, steht auf ihrem Hintern. „Los, zieh deine auch an, dann machen wir ein Gruppenfoto.
„Von unseren Ärschen, oder was?“ Ich tippe mir mit dem Finger an die Stirn und schaue an Vivi herab. Auch sie trägt schon die schlabberige Baumwoll-Hose. In Schweinchenrosa. „Was um Himmels Willen steht bei dir drauf?“ Ich rechne mit „Mrs. Piggy“ oder „Babe“.
Mit einem frechen Grinsen macht Vivi einen 180-Grad-Hüpfer und wackelt mit ihrem Hintern, der seit heute mit Strass-Steinchen verziert „HONEYBUNNY“ heißt. Genau so dämlich.
„Jetzt verzieh dein Gesicht nicht so, Janalein. Wir müssen uns an die amerikanischen Trends ein wenig anpassen. Außerdem kennt uns hier doch niemand.“ Rena zwinkert mir verschwörerisch zu. Sie hat es bis jetzt immer geschafft mich herumzukriegen. Heute auch. Ich seufze.
Dom staunt nicht schlecht, als er unseren Aufzug sieht. Ich bemühe mich krampfhaft, ihm nicht meine Kehrseite zuzuwenden. Für den Spott bin ich jetzt noch nicht bereit. Vielleicht später, nach dem achtundzwanzigsten Lumumba.
Warum staunt er eigentlich, überlege ich. Vivi und Rena sind sich doch sicher, dass diese Hosen gerade jeder trägt.
Dom sieht übrigens auch nicht viel unabenteuerlicher aus. Auf dem Kopf hat er einen grauen Schlapphut, der von den abstehenden Ohren getragen wird. Und dazu eine riesige dunkle Sonnenbrille, die seine knubbelige Nase wie eine einzige riesige Knolle erscheinen lässt.
Er hat doch tatsächlich ein Taxi spendiert, in das wir uns jetzt quetschen müssen. Ja, wir müssen alle auf die Rückbank. Auf dem Beifahrersitz darf niemand sitzen, zur Sicherheit des Taxifahrers. Natürlich würde eine von uns drei harmlosen Mädels in Jogginghosen ein Messer ziehen, ist ja klar.
„Da hat mir wohl jemand verziehen.“, grinst Dom über beide Backen und versucht mir den Arm um die Schultern zu legen. Leider komme ich direkt neben ihm zu sitzen. Und das mehr als eng.
„Pfoten weg!“, fauche ich. „Einbildung ist wohl auch eine Bildung!“
Dom streckt mir die Zunge raus. „Dann bist du mit Bildung eindeutig besser bestückt. Wer hat sich denn letzte Nacht eingebildet, einen Heiratsantrag von Ashton Kutcher zu bekommen?“
„Das ist ja wohl...!“, will ich mich gerade aufregen, doch Rena geht dazwischen.
„Hey ihr zwei!“, zischt sie. „Jetzt ist Ruhe im Karton. Ihr werdet euch jetzt vertragen, klar?“
„Aber bitte nur, bis er meine bescheuerte Hose gesehen hat. Danach ist sowieso wieder vorbei.“ Übellaunig verschränke ich meine Arme und habe jetzt natürlich Doms Neugier geweckt. Warum ich diese Bemerkung gemacht habe? Ganz klar, Angriff ist die beste Verteidigung. Wenn Dom weiß, dass ich diese Hose nicht auch leiden kann, macht er sich vielleicht weniger darüber lustig. Mmh. Falsch gedacht.
„Aber Jana, der Spruch ‘Mrs. Depp’ ist doch total cool!“ Vivi hüpft aufgeregt auf und ab. „Wenn du lieber ‚Honeybunny’ tragen willst, können wir auch tauschen.“
Dom prustet los. “Jana? Auf deiner Hose steht Mrs. Depp? Wo? Hinten?“
Als ich nichts sage, bricht er in wildes Gelächter aus und klatscht sich auf den Schenkel. Er grunzt sogar beim Lachen. Boah, was ein Fiesling.
Als hätte ich es nicht insgeheim geahnt... schon von den Menschen in der ewiglangen Warteschlange vor dem Club trägt niemand solch eine Hose wie wir. Jogginghosen sind zwar genug vorhanden, allerdings nicht aus Baumwolle. Und sie heißen hier Baggypants.
„Von wegen angesagt!“, funkle ich meine Freundinnen an. „Wo habt ihr diese Geschmacksverirrungen denn her? Aus einem Designerladen?“
„5-Dollar-Wühltisch.“ Vivi sieht stolz aus. „Ein echtes Schnäppchen!“
Es sind nicht nur nette Blicke, die uns begrüßen, als wir aus dem Taxi steigen. Nein, es sind hauptsächlich Belustigte bis Argwöhnische. Ein Spießrutenlauf ist dagegen ein Spaziergang.
Dominic gluckst noch, als er dem Fahrer einen Schein durch den Spalt der Scheibe schiebt. Meine Laune ist zwischenzeitlich noch tiefer als der Nullpunkt gesunken. Gerade zu arktisch. Rena wirft mir einen Blick zu, der soviel bedeutet wie „ist doch nett von ihm, dass er das Taxi bezahlt“. Nein, es ist nicht nett. Jetzt muss ich auch noch dankbar sein.
„Die Coolen sind bestimmt schon alle drin.“, sagt Vivi sehr überzeugt, als auch ihr das beschriftete Jogging-Hosen-Defizit in der Warteschlange vor dem Xes auffällt. „Du wirst schon sehen, Jana.“ Ich verdrehe als Antwort genervt die Augen und will mich gerade zwischen die Wartenden reihen, als mich Dom zurückzieht.
„Warte, wir gehen gleich nach vorne zum Türsteher. Connections, du verstehst?“ Er zwinkert und setzt sich in Bewegung. Vivi folgt ihm auf dem Fuß, während mich Rena mit Gewalt mitzieht.
„Jana! Du wirst da reingehen und Spaß haben! Das ist ein Befehl!“
Ich füge mich meinem Schicksal. Aus der Warteschlange kommen Protestrufe, aber tatsächlich hebt der Türsteher die Kette an, als er Dom nur aus dem Augenwinkel herantrotten sieht.
„Womit hat er den nur bestochen?“, murmle ich und ziehe den Kopf weit genug ein um nicht hängenzubleiben. Ein filmreifer Sturz würde mir hier noch fehlen.

5.3.08 19:52, kommentieren