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Kapitel 3 - Wenn der Knochen nicht zum Hund kommt...

„Hört euch doch erst an, was ich zu sagen habe.“ Vivi hört sich so bestimmt an, dass ich misstrauisch werde. Was hat sie nur ausgeheckt?
Sie geht kleinen Schritt zur Seite und erst jetzt sehe ich, dass sich hinter ihrem Rücken ein verhüllter Gegenstand befindet, der mir in dem vollgestellten Raum kaum aufgefallen ist.
„Passt gut auf!“, kündigt Vivi an und zieht an einem funkelnden indischen Seidentuch. Zum Vorschein kommt ein Clipboard, wie es Manager benutzen.
„Wo hast du das denn her?“, japst Rena fassungslos. „An der Hochschule ausgeliehen?“ Dann verstummt sie. Mit kleinen Magnetpins sind viele ausgeschnittene Bilder der verschiedensten Schauspieler an der Tafel befestigt. Tom Cruise kann ich erkennen. Und Leonardo Di Caprio. Matt Damon. Und viele andere.
„Was, meine Damen...“, Vivi senkt kaum merklich die Stimme, was sich dramatisch anhören soll, von ihr aber kaum umsetzbar ist. „...haben diese Gentlemen gemeinsam?“ Aus dem Nichts hat sie einen Zeigestab hervorgezaubert und haut ihn auf die Gesichter.
„Ich würde sagen, die Kerle sehen alle verschärft gut aus.“, stellt Rena fest und zupft an ihren Nasenring, weil ihr wohl die Kaktus-Stacheln ausgegangen sind. „Aber in der Ecke rechts unten irritiert mich das Bild von Thomas Gottschalk ein wenig. Es muss wohl eine andere Gemeinsamkeit sein. Jana, sag du etwas.“
„Sie verdienen im Monat alle mehr als wir in unserem ganzen Leben?“, frage ich. „Sie sind alle männlich? Ah, vergiss es.“, korrigiere ich mich, als mein Blick auf Keanu Reeves fällt.
„Hey!“, zischt Vivi. „Er hatte eine schwere Kindheit, ja?“ Keanu ist zu meinem Unverständnis ihr unumfochtener Lieblingsschauspieler. Ich mag ihn nicht sonderlich. Er spielt komisch und redet in Interviews unverständliches Zeugs, das niemanden interessiert. Finde ich.
„Löse lieber auf, bevor ihr Zoff kriegt.“, meint Rena genervt. Vivi versucht daruafhin ein Gesicht wie ein Quizmaster zu machen. Doch es hat eher etwas von Julia Roberts, die zum ersten Mal ein saures Weingummi von Haribo isst.
„Ich habe nachgeforscht und bin auf die Lösung gestoßen. Iiiiih, das ist so aufregend! Und zwar gibt es wirklich eine Möglichkeit, diese Stars zu treffen. Passt auf: Die Herren wohnen ALLE in Los Angeles!“ Erwartungsvoll schaut sie abwechselnd Rena und mich an. „Dort ist das Nest des Erfolgs!“
„Die Wiege des Erfolgs, meinst du.“, kann sich Renate nicht verkneifen.
„Das ist großartig?“ Ich betone es mehr wie eine Frage, als eine Feststellung.
„Das ist grandios!“, bestätigt Vivi und quietscht wieder.
„Zur Sache, Schätzchen.“ Von Rena ist sicher auch ein Foto im Lexikon. Unter „ungeduldig“.
„Wir sind Studentinnen“, beginnt Vivi ihre Schilderung der Sachlage. „Das heißt, wir haben massig Zeit. Und diese Zeit können wir genauso gut für eine Weile in Los Angeles verbringen. Dort setzen wir uns auf den Marktplatz und warten darauf, dass uns diese jungen Männer direkt in die Arme laufen. Auch Superstars müssen mal einkaufen gehen. Wenn man hier durch Klöppelrath läuft, trifft man ständig jemanden, den man kennt. Na, wie ist das? Jana, sag auch mal was!“
„Hm, ich glaube nicht, dass Los Angeles einen Marktplatz hat.“
„Los Angeles ist der Schlüssel.“, überlegt Rena plötzlich laut und bekommt einen glasigen Blick. „Vivi, weißt du was?“
Vivi und ich sehen sie fragend an.
„Das ist der gottverdammt beschissenste Plan der Welt. Noch nie habe ich so etwas Hirnrissiges gehört. Hey, jetzt fang nicht an zu weinen. Gerade weil die Idee so verrückt ist, könnte sie sogar hinhauen.“
Jetzt sehe nur noch ich fragend aus. „Rena? Alles klar?“
„Klarer als klar!“ Renate steht auf und breitet die Arme aus. „Verstehst du nicht? Hier auf Vivis Sofa haben wir keine Chance, auch nur einem dieser Herren näher zu kommen als bis zum Monitor dieses Fernsehers. Aber in L.A., wo es von Schauspielern wimmelt... da könnten auch wir ein Stück vom Kuchen abbekommen. Den perfekten Mann finden. Der auf alle Kriterien unserer Liste passt. Ach ja, Orlando ist übrigens MEIN Kuchen. Sucht euch einen eigenen.“
„Keanu!“, kreischt Vivi.
„Ashton.“, murmle ich noch nicht ganz überzeugt. „Aber wie sollen wir das anstellen? Für Urlaub in L.A. braucht man nicht nur Geld, sondern ganz viel Geld. Und wie Vivi schon erwähnt hat, sind wir Studentinnen.“
„Wir könnten... wir könnten...“, Vivi schnippt mit dem Finger und schaut uns erwartungsvoll an um uns zum Überlegen anzuregen.
„Als blinde Passagiere reisen?“
„Du hattest auch schon geistreichere Einfälle, Jana.“
„Mach’s besser.“
„Wie wäre es als Au Pair?“, schlägt Vivi begeistert vor. „Jessica, meine Kommilitonin macht das dieses Jahr in Texas.“
„Um Himmels Willen!“ Rena faltet die Hände. „Wer würde UNS freiwillig in die Nähe seines Kindes lassen?“
„Was ist Au Pair nochmal?“, fragt Vivi misstrauisch nach.
„Babysitten. Außerdem ist nicht gesagt, dass wir alle drei in die selbe Stadt, geschweige denn nach L.A. kommen würden. Ich hab eine Reportage gesehen...“, führe ich gerade aus, als mich Rena ziemlich lautstark unterbricht.
„Sitten! Das ist es! Jana, du bist der Held vom Erdbeerfeld!“
„Wie komme ich jetzt zu dieser Ehre?“
Verschwörerisch beugt sich Rena nach vorne. „Habt ihr schon mal was von House-Sitting gehört?“
„Im Haus sitzen?“, übersetzt Vivi ganz flockig locker.
„Quatsch, das heißt Haus hüten.“, verbessere ich schnell.
„Richtig. Ich habe davon gelesen, dass Amerikaner, die öfter auf Reisen gehen, manchmal eine oder mehrere Personen suchen, die für die Zeit ihrer Abwesenheit das Haus hüten. Kost und Logis sind für gewöhnlich frei. Wenn wir so eine Stelle bekommen könnten, bräuchten wir nur Geld für den Flug und ein wenig Taschengeld.“
„Prima!“ Vivi strahlt. Ihr Vater ist Vielflieger und tritt ihr sicher ein paar seiner Meilen ab.
„Flüge kosten auch nicht mehr die Welt.“, meint Rena. „Wir können einen Billigflug nehmen. Ich habe noch etwas gespart von meinem letzten Job. Und du, Jana, kannst ja mal deine Eltern fragen. Die sind sicher erleichtert, wenn du mal eine Zeit lang nicht die Küche sprengst.“
Alle hacken immer auf meinen Kochkünsten herum. Eigentlich würde ich mich furchtbar aufregen und protestieren, wenn sie nicht irgendwo doch Recht hätten.
„Lässt sich einrichten.“, stimme ich zu.
„Und ich gehe die House-Sitting-Angebote im Internet durch.“ Voller Tatendrang springt Rena auf. „Vivi, du verfasst die Bewerbung, ich übersetze sie dann ins Englische. Let’s go!“
Hektische Wochen brechen an. Nicht wegen „Projekt ‚Firma Hollywood und Söhne’“, wie es Rena liebevoll getauft hat, sondern vielmehr wegen BWL. Wer hat behauptet, Studenten hätten ein entspanntes Leben? Ich wälze Bücher von denen ich noch nicht einmal die Titel verstehe. Die Projektarbeit bringt mich fast ins Grab. Marketing schien mir als Schwerpunkt der Einfachste… ich will nicht wissen, wie hart die anderen sind. Daneben finde ich noch einen Job an einer Tankstelle. Jeden verdienten Cent lege ich auf die Seite.
Zwischendurch ein Anruf von Renate: „Ich hab ein Haus in L.A. in Aussicht!“, brüllt sie mir ins Ohr.
„Schönschön.“, antworte ich und bin mit dem Kopf schon wieder bei der Distributionspolitik. Markterschließung, Marktausweitung, Marktverzicht.
Wenig später ruft Vivi an: „Wir sollen bei der Bewerbung Fotos mitschicken. Gibst du mir eins von dir?“
Ich bin nicht sehr nett und brülle ins Telefon. „Verdammt, Vivi, wir sind Freundinnen! Du wirst doch wohl ein aktuelles Foto von mir haben!“
Zwei Stunden später tut mir der Ausbruch leid. Ich rufe zurück und entschuldige mich. „Ist schon okay“, trällert Vivi. Ich hab schon eins von dir gefunden.“
Drei Wochen später habe ich die wichtigsten Klausuren hinter mir. Die Semesterferien stehen mir zur freien Verfügung. Gott. Sei. Dank.
Pünktlich wie die Maurer meldet sich Renate wieder per Telefon. „Heute Abend bei Vivi. Deinhardt ist dabei.“ Ich freue mich ehrlich. Seit Wochen habe ich meine Freundinnen nicht mehr gesehen, obwohl wir nur ein paar Straßen voneinander entfernt wohnen.
„Als Abiturienten hatten wir eindeutig mehr Zeit füreinander.“, lacht Rena und drückt mich an sich. „Hab schon gehört, wie Hölle dein BWL in letzter Zeit war. Mir ging es nicht anders.“
„Wir Schminktussis haben es besser.“, grinst Vivi.
„So, jetzt den Deinhardt geköpft, dann gibt es News aus L.A.“
„Ach, da bin ich ja mal gespannt!“ Plötzlich werde ich ganz zappelig. Rena tut sonst nicht so geheimnisvoll.
Als auch das Sofa wieder die nötige Ladung Sekt abbekommen hat, kommt Renate zur Sache.
„Mädels! Wir. Haben. Ein. Haus.“
„Wiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiih!“, gilft Vivi.
„Woooooohuuuu!“, brülle ich. Jetzt kann ich mich darauf freuen. Vor dem Studiumsstress habe ich bei meinen Eltern schon mal wegen Flugkosten angefragt. Sie schießen mir zu meinem Lohn von der Tanke noch etwas dazu. Wunderbar. Aufatmen.
„Unser sogenannter ‚Auftraggeber’ heißt Andrew Parker und lebt in Brentwood, einem Stadtteil im Westen von Los Angeles.“ Rena blättert in mehreren DIN-A4 Seiten. „Weil er Künstler ist, muss er für sechs Wochen nach Russland um einige Ausstellungen zu machen. Er schreibt, unsere Bewerbung hätte überzeugt. Perfekt, oder? Das ist übrigens alleine Vivis Verdienst. Ich hatte keine Zeit mir das Schreiben anzusehen.“
„Wow!“ Ich bin ehrlich stolz auf unsere Freundin. Wusste gar nicht, dass Vivi so gut englisch kann.
„Weiter zu Andrew Parker. Er hat keine Tiere und nur wenige Pflanzen. Es geht nur darum, sein Haus zu bewohnen, damit nicht eingebrochen wird. Eine Haushaltskasse lässt er uns auch da.“
„Mehr als perfekt!“ Ich habe das Gefühl zu träumen. Eigentlich kann ich mir gar nicht vorstellen, dass wir drei bald den Hollywood Boulevard entlang schlendern.
„Wann geht es los?“, fragt Vivi nicht minder aufgeregt.
„Nächsten Monat, am 12. August sollen wir dort sein. Sommer in L.A.! Das ist unglaublich!“
„Ich buche.“, erkläre ich mich gleich bereit. Das schlechte Gewissen meldet sich, dass Rena und Vivi fast alles alleine organisiert haben.
„Okay! Dann lasst uns anstoßen. Auf Amerika!“
„Amerika?“ Vivi kratzt sich am Kopf. „Ich denke, wir fliegen nach L.A.?“
„Auf L.A.!“, prostet Rena noch extra und schüttelt sich vor Lachen.
„Und auf den perfekten Mann!“, ergänze ich noch.

5.2.08 18:54, kommentieren