Kapitel 10 - Disneyland goes Hollywood

Die Musik dröhnt aus den Boxen. Es sind harte Hip Hop Beats mit so schnellen Rapeinlagen, dass ich kein Wort des Textes verstehen kann. Die Luft ist stickig, obwohl nicht geraucht wird. Es sind die vielen warmen Körper auf diesem engen Raum. Zuckend bewegen sich bunte Lightspots durch den Raum und gehen mit der Musik direkt durchs Mark in die Beine. Niemand kann hier still stehen.
 Dom baut sich an einer Bar auf und winkt uns zu sich. „Die erste Runde auf mich!“
„Elender Schleimer.“, motze ich, doch wegen der Musik kann es niemand hören.
Die ersten drei Mai Tais stürze ich in einem Zug. Danach bin ich pleite, aber merklich besser gelaunt. Meinen Arsch kann auch niemand mehr lesen, weil ich mit dem Rücken zur Wand von einem Bein auf das andere trete. Perfekt.
Ich habe einen guten Blick über das Geschehen und beobachte Rena und Vivi, die sich mit schwimmenden Bewegungen einen Weg zur Tanzfläche bahnen. Als es nicht gelingt, beginnen sie sich dort wo sie stehen wie zwei Presswürste im Takt der Beats zu bewegen. Zum totlachen.
„Na sieh mal einer an, du kannst ja lächeln.“ Dom ist aus dem Nirgendwo erschienen und bringt mir einen weiteren Mai Tai mit. Okay, er kann manchmal doch ganz nett sein. Aber sein Hut sieht doof aus. „Gefällt es dir hier?“, brüllt er mir ins Ohr.
„Etwas warm und brechend voll. Ansonsten ist es aber ganz in Ordnung.“ Ich lasse meine Stimme so klingen, als hätte ich schon viel Zeit in Hollywoods angesagtesten Clubs verbracht. Allerdings muss ich schreien, weil es hier so laut ist.
„Vielleicht kann ich die Aktion von gestern wieder gutmachen? Du weißt schon, dass ich Ashton vorgeflunkert habe, du wärst eine Psychotherapeutin.“
„Warum hast du das überhaupt getan?“ Jetzt bin ich aber mal gespannt.
Dom kratzt sich hinter dem Ohr. „Eigentlich wollte ich das Gegenteil von dem erreichen, das dann tatsächlich geschehen ist. Ich wollte nicht, dass du dir falsche Hoffnungen machst, weil Ash schon ewig auf Demi scharf ist. Damit hat er sich die letzten Monate ziemlich fertig gemacht, und mit zig Therapeuten das Gespräch gesucht. Mir war also klar, dass er dich gleich mit dem Thema zuquatschen wird, wenn er dich auch für eine Psycho-Tante hält. So hast du wenigstens gleich nach einer Minute gewusst woran du bist.“
„Oder auch nicht.“ Ich bin immer noch etwas eingeschnappt. Als wenn ich mir gleich bei einem wildfremden Kerl – ob Schauspieler oder nicht – Hoffnungen gemacht hätte, nur weil ich ihn gut aussehend finde. Okay, zugegeben, hätte ich. Naja, habe ich.
„Okay, Gegessen.“ Ich halte Dom meine Hand hin. „Frieden.“
Er schlägt grinsend ein und reißt im selben Moment die Augen auf. „OH GOTT!“
Ich bin ehrlich erschrocken. „Was?“
„Mrs. Depp hat mir die Hand geschüttelt!!!! Oh mein Gott! Darf ich ein Autogramm haben?“
„Du bist hier der Depp!“, murmle ich auf Deutsch.
„Apropos Autogramm, es wird Zeit deine Mädels von der Stange zu scheuchen. Ich hab euch etwas organisiert.“ Geheimnisvoll wackelt Dom mit den Augenbrauen. „Wir treffen uns gleich an der roten Tür dort hinten. Siehst du sie?“
Ich sehe sie. Und ich sehe auch, was er mit „Stange“ meint. Vivi streckt gerade der halben Bevölkerung von Los Angeles ihren glitzernden „Honeybunny“ entgegen, bei ihrem ersten Versuch an einer Gogo-Stange zu tanzen. Okay, sieht gar nicht so übel aus. Vivi, meine ich. Honeybunny schon.
Die Menge johlt, als ich Vivi von ihrem Podest ziehe und auch Rena in Schlepptau mit zur roten Tür nehme. „Hoffentlich sind dahinter die Leute mit den beschrifteten Baumwoll-Joggern.“, murmle ich, als diverse Clubgäste wieder die Blicke auf meinen Hintern aufnehmen und verstohlen tuscheln.
Dom wartet zappelnd auf uns. Er sieht ein wenig nervös aus und schaut immer hektisch nach links und rechts, ob uns jemand beobachtet. Leider tun das so gut wie alle.
Eine Bedienung schließt die Tür auf und weist uns an, möglichst schnell einzutreten. Das ist nötig, denn ein Mob von Clubgästen drückt sich plötzlich ganz aufgeregt in unsere Richtung. Ich sehe für einen Moment nur noch Hände, die versuchen nach mir greifen. „Nehmt mich mit!“, kreischt eine kleine Blonde und klammert sich an meinen Arm. Grob wird sie von der Bedienung gepackt und weggestoßen. Gerade im richtigen Moment fällt die Tür hinter uns ins Schloss.
„Was war das denn gerade?“ Rena schüttelt ungläubig den Kopf. „Und was ist das hier für ein Kabuff?“
Tatsächlich stehen wir in einem Raum von nicht einmal zwei Quadratmetern. Eine violette Neonröhre an der Decke taucht alles in unwirkliches Licht. Ich fühle mich, wie in einem Fahrstuhl.
„Das ist die Gesindelschleuse.“, erklärt Dom. „Falls sich jemand Zutritt verschaffen will, der im nächsten Raum nichts verloren hat. Jetzt schaut nicht so. Werdet gleich sehen, wer euch hinter dieser Tür erwartet.“
Jetzt sehe ich auch, dass wir vor einer weiteren Tür stehen. Dom klopft einige Male mit der Faust dagegen. Hört sich wie ein Code. Nach dem Bruchteil einer Sekunde schwingt ein Kerl wie Bud Spencer die massive Tür auf. Zum Glück öffnet sie nicht in unsere Richtung, sonst hätte er uns wegen dem Platzmangel alle platt gemacht.
„’pisst euch!“, brüllt er und will die Tür sofort wieder zuschlagen.
„Stopp!“, wendet Dom ein und lüpft seinen Hut. „Wir sind eingeladen.“
Der Koloss blinzelt ein paar Mal mit seinen kleinen Äuglein. „Tschulligung Mister Monaghan, hab Sie nicht gleich erkannt.“
„Immer das Gleiche.“, seufzt Dom theatralisch und deutet uns, ihm zu folgen. Komischer Nachname hat er, denke ich und schüttle den Kopf. Aber irgendwie passt er zu seiner Nase.
Es geht einen kurzen Gang bis zu einem roten Samtvorhang entlang. Nacheinander schlüpfen wir hindurch und bleiben wie angewurzelt stehen. Naja, eigentlich bleibe nur ich stehen. Meine staunenden Augen sehen eine exakte Kopie des überfüllten Clubraums, in dem wir gerade noch Mai Tais vernichtet haben. Allerdings ist hier die Musik etwas leiser und nicht so hektisch. Es befinden sich auch nur gut dreißig Leute im Raum, einschließlich der professionellen Gogo-Girls, die verrückte Verrenkungen an den Stangen machen. Da kann sich Vivi noch was abschauen.
Die hat übrigens gerade eine Quietschattacke. Soviel ich sehen kann hüpft sie direkt auf eine Sitzgruppe von Ledersesseln zu, auf denen sich einige Personen räkeln. Rena scheint verschwunden. Aber das interessiert mich gerade alles nicht. Viel fesselnder ist, dass mir Ashton Kutcher im Moment um den Hals fällt.
„Jana! Wie schön, dass du gekommen bist! Ich bin euch allen noch einen Drink schuldig. Und dann sprechen wir über mein Problem mit Demi, ja? Siehst du, was sie mit meinen Rosen gemacht hat?“ Er löst sich von mir und zeigt mit dem Finger auf sein Gesicht, das einige dünne Kratzer vorweist, die gestern wohl leicht geblutet haben müssen.
Ich muss erst mal schlucken. Was hat Dom mir da eigentlich nur eingebrockt?
„Machen wir, Ash.“, säusle ich und sehe mich nach Dominic um. Die Suppe wird er gefälligst auslöffeln.
Ashton strahlt. „Das ist wunderbar! Ich weiß, du kannst mir wieder helfen. Und jetzt bestelle ich Cocktails. Setz dich doch.“
Ich atme erleichtert auf, als er verschwunden ist. Mir wird in seiner Nähe immer noch schwindelig. Hilfe, so ein schöner Mann. Mit einem Mal kommt mir der Gedanke, wie ich das jemals in Deutschland jemandem erzählen könnte.
Vielleicht: „Naja, so richtig war ich noch nicht über Ashton Kutcher hinweg, als er mir von den Problemen seiner noch nicht vorhandenen Beziehung mit Demi Moore erzählt hat. Aber als er gerade unterwegs war um mir einen Cocktail zu besorgen, stand plötzlich Jared Leto vor mir und fragte, ob ich ihm ein Sandwich verkaufe.“
Moment. Jared Leto? Ich blinzle noch einmal zu der Person vor mir auf. Täuschend echt, diese Halluzination. Durchaus.
„Hunger!“, nörgelt er. „Gib mir doch endlich nen Sandwich!“
Als ich nicht weiter als mit einem aufklappenden Mund reagiere, wendet er sich enttäuscht ab und tippt einer Gogo-Tänzerin an die Schulter. „Sandwich?“, höre ich ihn noch fragen.
Oh. Mein. Gott.
„Das war Jared.“, erklärt Ash, der gerade in diesem Moment wieder neben mir auftaucht. Er drückt mir einen Mai Tai in die Hand. Der wievielte ist das eigentlich? Egal. Jetzt sollte ich allerdings den Mund schließen, sonst kann ich nicht Trinken.
„Er ist übrigens immer etwas durchgeknallt, wenn er gekifft hat.“ Ash bewegt spiralförmig seinen Zeigefinger zur Stirn. „Genau wie Leo. Du darfst dich nicht darüber wundern.“
„Aha. Wer ist Leo?“
„Der Typ dort hinten, der deine Freundin gerade in den Hintern beißt.“
Mein Kopf wirbelt so schnell herum, dass ich ihn knacken hören kann. Renate?? Ja, es ist Rena. Sie steht lachend in gebückter Haltung vor einem Sofa und lässt sich von Leonardo DiCaprio in ihr BITE ME beißen.
Scheiße.
Einmal im Leben mit Ashton Kutcher, Jared Leto und Leonardo DiCaprio im selben Raum... und ausgerechnet dann sehen aus wie Tick, Trick und Track. Verdammt! Verdammt! Verdammt!
„Meinst du es ist ein gutes Zeichen, dass Demi meine Blumen genommen hat?“, unterbricht Ashton meine Gedanken. „Sie hat sie zwar nur genommen um sie mir um die Ohren zu hauen, aber sie hat sie immerhin angenommen!“
„Super Ashton. Das ist ganz toll. Schenk ihr nächstes Mal einen Baseballschläger. Ich hoffe, den nimmt sie auch an.“, grummle ich nicht sehr freundlich. Ich bin sauer. Sauer auf Vivi wegen der Hosenaktion, sauer auf Dom, dass er uns immer unvorbereitet auf Stars treffen lässt, sauer auf mich selbst, weil ich so eine pfienzige Spaßbremse bin.
Als Rena merkt, dass ich sie anstarre, winkt sie fröhlich. „Isser nicht süß?“, bedeutet ihr Blick. Puh. Acht Jahre ist es her, dass ich Leo in ‚Titanic’ gesehen habe. Und eigentlich war ich nur im Kino, weil der süße Flo aus der Parallelklasse dabei war. Als Unterstützung noch meine Freundin Susi. Allerdings ist sie nach zwei Stunden aus dem Kinosaal geflüchtet, weil Florian sie zu küssen versucht hat. Er ist ihr gleich hinterher gerannt, Liebesschwüre stammelnd. Und ich blieb sitzen und habe geheult wie ein Schlosshund, während Leo alias Jack den Heldentod starb. Das war mein erster Liebeskummer. Und Leonardo DiCaprio war schuld daran!
„Noch eine bezaubernde Blüte aus dem Lustgarten!“, ruft Leonardo verzückt, als ich ein Stück näher trete um Renas Hose zu retten. „Komm her, ach Holde du! Ein Glückstag muss heute sein!“
Ich bemühe mich ernsthaft, dem Bedürfnis nicht nachzugeben, hier und jetzt einen Finger in meinen Hals zu stecken. Hallo? Du bist ein Superstar! Was soll dieser billige Spruch?
„Hello Mr. DiCaprio.“ Na gut, ein wenig schüchtert er mich schon ein. Leonardo ist der erfolgreichste Schauspieler Hollywoods. Sein Blick hat außerdem etwas Stechendes, so dass man ihm kaum Stand halten kann und sich plötzlich winzig klein fühlt. Dabei sitzt er und stehe ich.
„Ehm… kann ich ein Autogramm haben?“ Etwas Besseres ist mir gerade wirklich nicht eingefallen. Aber was hätte ich sonst fragen können? „Hey Leo, schwankste immer so hin und her?“ Schlechte Idee, obwohl er augenscheinlich schon ziemlich knülle ist.
„Autogramm?“ Jetzt grinst er schwerfällig und süffisant. „Klar. Hose runter.“
„WAS?“
„Heute Popo statt Papier.“ Sein Zeigefinger zeigt irgendwohin Richtung Decke. „Und Zähne statt Stift. Na komm schon, deine Freundin war auch schon an der Reihe.“
Ungläubig schüttle ich den Kopf. „Danke, dann verzichte ich.“ Irgendwie ist mir die Sache unheimlich. Ich dachte, die Stars hätten etwas Geheimnisvolles und Unnahbares. Die Tatsache, dass es sich hier um stinkgewöhnliche Männer handelt, finde ich unfair. Eine Illusion ist zerstört.
„Jetzt sei halt nicht immer so negativ!“, mault mich Rena von der Seite an. „Warum sind wir in Los Angeles? Hm?“
„Um zwischen diversen Hollywood-Stars den perfekten Mann zu finden.“
Zufrieden zündet sich Nichtraucherin Rena eine Zigarette an. „Ganz Recht. Und was tun wir hier gerade?“
Ich runzle die Stirn. „Feststellen, dass bisher alle Hollywoodstars, die wir trafen, irgendwie kompletten Vollidioten sind?“
Renate verdreht die Augen, bis ich nur noch das Weiße sehen kann. „Also heute brauchst du wohl echt Alkohol um dich amüsieren zu können. Trink mal etwas mehr.“
Sie behält Recht. Noch zwei Mai Tais später sinke ich zufrieden in einen Sessel und betrachte das Geschehen. Ashton hat sich zeitig verabschiedet, um einen Baseballschläger für Demi zu besorgen. Kann man eigentlich so verblendet sein? Uns hat er hier im VIP-Raum einfach sitzen lassen. Egal, ob wir jemals etwas mit Jared Leto oder Leonardo DiCaprio zu tun hatten.
Vivi lässt sich von einer professionellen Gogo-Tänzerin einige Figuren beibringen, die sie unter dem Johlen und Pfeifen von Leo gleich testet. Rena albert mit Dom und Jared, wobei Letzterer wohl seinen Marihuana-bedingten Fressflash überwunden hat und nur noch zusammenhangslose Wörter stammelt anstatt nach Essen zu fragen.
„Jared hat kein Problem mit Drogen.“, erzählt Dom gerade.
„Aber ohne, oder?“, kontert Rena sofort und sie fallen vor Lachen fast vom knallroten Ledersofa. Vielleicht sollte ich jetzt langsam doch nicht mehr schmollen, mich einfach dazusetzen und auch ein wenig Spaß haben. Leicht gesagt. Die wenigen Schritte stellen sich als ziemlich beschwerlich heraus, weil der ganze Raum rotiert. „Doller Spezialeffekt.“, lalle ich. Irgendwie bin ich auch nicht besser als Jared Leto. Ach Scheiße, der ganze Abend ist Scheiße! Man hätte so viel rausholen können. Aber nein, ich bin mal wieder typisch ich.
„Rena, isch liebe dir!“, verkünde ich lauthals, während ich auf sie falle.
„Und ich liebe dich, Frau Depp.“ Friede, Freude, Eierkuchen. Sie hat mich wieder lieb.

5.3.08 19:57

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